Sonntag, 5. November 2017

Suburra (Serie)


Originaltitel: Suburra
Land/Jahr: Italien 2017
Sender: Netflix
Länge: 1 Staffel (10 Folgen a 50 Minuten)
Cast: Alessandro Borghi (Aureliano Adami), Giacomo Ferrara (Spadino Anacleti), Eduardo Valdarnini (Gabriele Marchilli), Francesco Acquaroli (Samurai), Filippo Nigro (Amedeo Cinaglia), Claudia Gerini (Sara Monaschi), Adamo Dionisi (Manfredi Anacleti), Barbara Chichiarelli (Livia Adami), Lorena Cesarini (Isabelle), Carlotta Antonelli (Angelica)

Suburra bedeutet auf Italienisch so viel wie Elendsviertel oder Slum und war im antiken Rom die Bezeichnung für ein berüchtigtes Stadtviertel, einen Ort der Sünde und des Verbrechens. Und in einen eben solchen verwandelt Netflix die italienische Hauptstadt mit ihrer ersten italienischen Produktion, die auch hierzulande wahlweise in Italienisch mit deutschen Untertiteln oder in deutscher Sycronisation abrufbar ist. Die erste Staffel umfasst dabei zehn Folgen und basiert auf dem gleichnamigen Roman von Carlo Bonini und Giancarlo De Cataldo, der bereits 2015 einmal verfilmt wurde. 

Die Serie spielt im Jahr 2008 in Rom und dreht sich rund um einen lukrativen Grundstücksverkauf, der allerlei Begehrlichkeiten weckt und dabei einen abgrundtiefen Sumpf aus Korruption, Gewalt und Verkommenheit frei legt. In Ostia, wenige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums von Rom, bietet der finanziell in Schieflage geratene Vatikan mehrere Grundstücke zum Verkauf an. Gleich zwei Interessenten wittern das große Geschäft und planen auf dem Bauland mit einem italienischen Pedant zu Las Vegas ein Glücksspiel-Paradies zu errichten. Eine Kommission des Vatikans soll dabei über die transparente und ethisch einwandfreie Vergabe entscheiden. Doch sowohl die Rechnungsprüferin Sara Monaschi, deren Mann Miteigentümer eines der anbietenden Konsortien ist, als auch Kardinal Giunti versuchen die Entscheidung und den Kommissionsvorsitzenden Monsignore Theodosiu entsprechend zu beeinflussen.

Verkompliziert wird die Situation zudem als der römische Bürgermeister überraschend seinen Rücktritt erklärt. Die Zeit drängt, schließlich geht es nicht nur darum die Zuschlag zu erhalten, sondern auch die erforderliche Mehrheit im römischen Stadtparlament zu sichern, um die notwendigen Grundstücksumwidmungen durchzubekommen... 


Die erste Staffel von "Suburra" umfasst genau diese Zeitspanne von 20 Tagen, wobei jede Episode mit einem "Forshadowing" auf das Episodenende beginnt. Von der Ankündigung des Rücktritt des römischen Bürgermeisters bis hin zu dessen Verabschiedung aus dem Stadtparlament und offenbart dabei die tiefgreifenden Verflechtungen zwischen Vatikan, Politik und dem organisiertem Verbrechen. "Suburra" ist dabei ähnlich skrupellos wie seine Charaktere, denn es fehlt ihr an jeglichen Anstand und Moral. Alle Charaktere haben Dreck am Stecken, positive oder integere Charaktere sucht man vergeblich. "Suburra" ist in dieser Hinsicht absolut schonungslos, denn selbst vermeintliche Sympathieträger wie der anfänglich noch integer wirkende Stadtpolitiker Amedeo Cinaglia werden innerhalb von wenigen Episoden komplett korrumpiert. Dem nicht genug, findet der sichtlich desillusionierte und frustrierte Cinaglia zunehmend Gefallen daran und scheint sämtliche moralische Bedenken über Bord zu werfen und endlich selbst etwas vom Kuchen abbekommen zu wollen. 

Und von diesem Kuchen wollen gleich mehrere Parteien naschen. Neben den Monaschis ist mit dem zwielichtigen Blue Mirror Konsortium ein weiterer Bewerber an den Vatikan Grundstücken interessiert, dessen Fäden im Hintergrund ein berüchtigter römischer Verbrecherboss zieht, der überall nur als "Samurai" bekannt ist und mit der sizilianische Mafia paktiert. Diese plant u.a. den Bau eines Hafens in Ostia, als Einfallstor für den Drogenhandel in Rom und bedient sich dabei des weit verzweigten Netzwerkes von "Samurai", der für seine Zwecke gekonnt zwei rivalisierende Gangsterfamilien instrumentalisiert. Die Adamis und die aufstrebende Roma und Sinti Familie der Anacleti liefern sich einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft im Drogenhandel der italienischen Hauptstadt. 



Die Gangster in "Suburra" sind auch nicht mehr das, was sie früher einmal waren. Anstatt stilvolle und teure Anzüge tragen diese Jogginghose, Irokesenschnitt, blondierte Haare und fahren Geländewagen oder Vespa. Und von so etwas wie einen Ehrenkodex unter Verbrechern halten insbesondere die Zöglinge der beiden Familie nichts, deren einziger Antrieb Macht und Geld zu sein scheint und dazu führt, dass sich der Nachwuchs der beiden verfeindeten Familien, Aureliano Adami und Spadino Anacleti, kurzerhand zusammenschließt um ihr eigenes Ding durch zu ziehen. Unterstützung erhalten sie dabei ausgerechnet von Gabriele "Lele" Marchilli, einen Studenten der sich nebenbei mit Dealen und der Organisation von VIP-Sexparties etwas dazu verdient und dessen Vater ausgerechnet ein Polizist ist. Als bei einer dieser Sexparties in einer noblen, römischen Villa ein Pfarrer zusammenbricht, wittern die drei ihre große Chance und erpressen den Geistlichen mit einem Video. Dummerweise entpuppt sich der Geistliche als Monsignore Theodosiu und die drei kommen dabei nicht nur den Interessen der eigenen Familien in die Quere sondern auch jenen von "Samurai" und den Sizilianern... 


Gangster gehen bekanntlich immer und wenngleich Netflix erste italienische Produtkion vielleicht nicht zu den Triple A Titeln und den Serienproduktionen zählt, so kann sich die Serie absolut sehen lassen und hat durchaus hohen "Binge-Faktor".

"Suburra" macht es seinen Zuschauern nämlich nicht gerade einfach, so ganz ohne Sympathieträger oder moralisch integeren Protagonisten fällt es regelrecht schwer mit einem der Charaktere mitzufiebern. Diese sind zwar durchwegs interessant und erhalten im Verlauf der Serie immer mehr an Profil, doch so ganz ohne moralischen Ankerpunkt ein wenig ungewohnt. Denn gleichzeitig fühlt man sich ob der tiefgreifenden Korruption und Vernetzung zwischen Staatsapparat, Religion und organisiertem Verbrechern manchmal recht ohnmächtig. Es ist eine Serie ohne Helden, deren Charaktere längst in diesem Morast feststecken und aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Es ist ein wenig schauderhaft wenn man bedenkt das dies alles jedoch nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, sondern tatsächlich mitten in unserer Gesellschaft stattfindet und es für jeden von uns einen Preis gibt...

Bewertung: 7/10








Donnerstag, 2. November 2017

8 Namen für die Liebe 2




Origintaltitel: Ocho apellidos catalanes
Land/Jahr: Spanien 2015
Dauer: 99 Minuten
Regie: Emilio Martinez Lazaro
Cast: Dani Rovira (Rafa), Clara Lago (Amaia), Karra Elejalde (Koldo), Carmen Machi (Merche), Belen Cuesta (Judith), Berto Romero (Pau), Rosa Maria Sarda (Roser)


"Ocho apellidos catalanes" ist die Fortsetzung zu "Ocho apellidos vascos", einer spanischen Komödie aus dem Jahr 2014, in welcher der andalusische Frauenheld Rafa in einer Flamencobar in Sevilla auf die schöne Baskin Amaia trifft, die sich jedoch von dessen Vorurteilen gegen das Baskenland sowie von den Verführungskünsten des stolzen Andalusiers wenig beeindruckt zeigt. Für Rafa ist dies jedoch Ansporn genug sein geliebtes Andalusien zu verlassen. Er macht sich auf den Weg in den Norden, um das Herz von Amaia zu erobern und macht dort nicht nur Bekanntschaft mit einer völlig fremden Sprache und Kultur sondern auch mit Amaias kauzigen Vater Koldo... 



Und wie es sich für eine romantische Komödie gehört finden natürlich beide nach einigen Schwierigkeiten und Missverständnissen am Ende zueinander. "Ocho apellidos catalanes" setzt die Geschichte Monate nach dem Ende des ersten Teiles fort und zeigt uns Rafa wie er in Sevilla wieder auf der Jagd nach Frauenherzen ist und dabei eine schmerzhafte Abfuhr nach der anderen einfährt. Die Beziehung mit Amaia hat nicht gehalten, doch als eines Tages Koldo in der Flamencobar auftaucht und Rafa darüber informiert das Amaia dabei ist in Katalonien zu heiraten und ihn darum bittet dies zu verhindern, muss dieser nicht lange überlegen...

"Ocho apellidos catalanes" ist wie sein Vorgänger eine charmante kleine Komödie, welche vor allem die Konflikte und Vorurteile zwischen den einzelnen spanischen Regionen geschickt überspitzt auf die Schippe nimmt ohne dabei allzu sehr ins Lächerliche abzudriften. Die Katalanen und ihre Unabhängigkeitsbewegung bekommen dabei genauso ihr Fett weg wie heimat-verbundenen Basken oder die spanischen Patrioten. Es wird keiner verschont und wenn in dem kleinen katalanischen Ort Soronelles, in welchem die Hochzeit zwischen Pau und Amaia stattfinden soll, aus Liebe zur Großmutter die katalanische "fake" Unabhängigkeit ausgerufen wird weil diese eine mögliche tatsächliche Unabhängigkeit nicht mehr erleben wird, dann ist "Ocho apellidos catalanes" unerwartet tagesaktuell, denn der Film bekam bereits vor zwei Jahren in die Kinos und begeisterte Millionen von Spaniern.



Verpackt wird das ganze in einer standardmäßigen Liebesgeschichte, die wenig überraschend sehr vorhersehbar ist und am Ende den zu erwartenden Verlauf nimmt. Nichtsdestotrotz sind es gerade die liebenswürdigen Charaktere und die Art und Weise wie sie sich immer wieder in einen Schlamassel nach den anderen bringen, das was dem Film eine gewisse Liebenswürdigkeit verleiht und über eine ansonsten wenig innovative Rahmenhandlung hinweg sehen lässt. Es zünden auch längst nicht alle Gags, weshalb man auch hier aufgrund der Tatsache, dass der Film nur in spanischer Originalfassung mit deutschen Untertiteln vorliegt, gewisse Abstriche machen muss.

"Ocho apellidos catalanes" oder wie die wenig kreative deutsche Titel "8 Namen für die Liebe 2" lautet ist aktuell auf Netflix verfügbar. 

Bewertung: 6/10




Mittwoch, 11. Oktober 2017

Victoria & Abdul



Originaltitel: Victoria and Abdul
Land/Jahr: Großbritannien 2017
Dauer: 111 Minuten
Regie: Stephen Frears
Cast: Judi Dench (Königin Victoria), Ali Fazal (Abdul Karim), Tim Pigott-Smith (Sir Henry Ponsonby), Eddie Izzard (Albert Edward "Bertie" Prince of Wales), Adeel Akhtar (Mohammed), Michael Gambon (Lord Salisbury), Paul Higgins (Dr. Reid), Olivia Williams (Lady Churchill)


Ende des 19. Jahrhunderts steht das britische Empire am Höhepunkt seiner Weltmachtstellung und erlebt eine beispiellose wirtschaftliche Blütezeit, die später auch als das Viktorianische Zeitalter bezeichnet werden sollte. Bei den Feierlichkeiten anlässlich ihres 50. Thronjubiläums soll zu Ehren von Königin Victoria, die gleichzeitig auch Kaiserin von Indien ist, ein Mohur - eine indische Goldmünze - überreicht werden. Dem jungen Schreiber Abdul Karim wird dabei die Ehre zu Teil der Königin den Mohur im Rahmen eines Festbankettes zu überreichen, für das er zusammen mit seinem Landsmann Mohammed eigens nach England reist. 

Während Mohammed aufgrund des nasskalten englischen Wetters und der seltsamen Gepflogenheiten am britischen Hof am liebsten direkt wieder umkehren würde, findet Abdul Karim schnell Gefallen an dieser für ihn völlig fremden Welt. Entgegen des höfischen Protokolls nimmt Abdul bei der Übergabe des Mohurs direkten Blickkontakt zur Königin auf, lächelt ihr völlig unbekümmert zu und gewinnt damit die Aufmerksamkeit von Victoria. Für die Königin ist der großgewachsene und exotisch aussehende Abdul eine willkommene Abwechslung im monotonen Hofleben und nimmt ihn in ihren Hofstaat auf. Zwischen den beiden entwickelt sich rasch ein vertrauensvolles und freundschaftliches Verhältnis und die aufgrund der höfischen Einschränkungen sehr eigenwillige und griesgrämig anmutende Victoria blüht überraschend auf. 

Der rasche Aufstieg des jungen Inders am Hof und sein zunehmender Einfluss auf die Königin sorgt jedoch bei der übrigen Gefolgschaft und auch beim Premierminister für zunehmendes Missfallen...



Basierend auf wahren Begebenheiten inszeniert Regisseur Stephen Frears (u.a. "The Queen", "High Fidelity") mit "Victoria & Abdul" eine zuckersüße Historienkomödie über eine amtsmüde und hochbetagte Königin Victoria die in einer umstrittenen Freundschaft zu einem jungen und naiven Diener neue Lebensfreude schöpft und gleichzeitig ihren Hofstaat damit zur Verzweiflung treibt. "Victoria & Abdul" ist zweifellos charmant und hat durchaus seine Momente. Wenn Judi Dench als griesgrämige und renitente Königin Victoria auf einem Festbankett sämtliche Gäste gelangweilt ignoriert und einen Gang nach dem anderen so schnell wie möglich verschlingt, um eines der unzähligen Bankette die ihre Position nun einmal mit sich bringt hinter sich zu bringen, dann hat das durchaus einen hohen Unterhaltungswert. 

Gleichzeitig veranschaulicht Regisseur Stephen Frears auch die Absurdität des höfischen Protokolls. Dies verlangt danach, das sobald die Königin ihrerseits einen Gang beendet hat, das dann auch für alle anderen Gäste gilt, ganz egal wie voll deren Teller noch sind. In einer vom Regisseur genüsslich inszenierten Szene sieht man dann auch wie den Gästen die vollen Teller unter der Nase weggezogen werden und reihenweise Teller mit kaum angerührten Essen wieder zurück in die Küche wandern. 

Wenn Königin Victoria ihre Gefolgschaft mit ihrer sturen und verbissen Art zur Verzweiflung treibt, läuft Judi Dench dann endgültig zur Hochform auf. Die "Grande Dame" des britischen Kinos brilliert einmal mehr in einer royalen Rolle und die Art und Weise wie sie in einem Moment die einsame und grimmige Victoria spielt und im nächsten Moment diese plötzlich auftauchende Lebensfreude aufblitzen lässt ist schon recht beeindruckend. Und wird Dench wohl die nächste Oscarnominierung garantieren. 

Leider verlässt sich "Victoria & Abdul" zu sehr auf Judi Dench, die zwar nach wie vor einen Film komplett alleine schultern kann, allerdings verfügt der Film abseits davon inhaltlich über zu wenig Substanz und Dramaturgie. Selbst Ali Fazal als Abdul ist mehr Stichwortgeber für Judi Dench und ihrer "One-Woman-Show" und die Darstellung der platonischen Freundschaft zwischen den beiden wirkt das ein oder andere Mal etwas aufgesetzt und unglaubwürdig und erreicht eigentlich nur in einer kleinen Szene etwas tiefgründigere Gewässer. Wenn Victoria ihrem Diener die Einsamkeit offenbart unter der sie seit dem Ableben ihrer großen Lieber Albert leidet und welche Einschränkungen ihr Amt mitunter mit sich bringt. Leider gibt's von diesen tiefgründigeren Szenen viel zu wenige und so zählt "Victoria & Abdul" zu jenen Filmen die man nicht unbedingt ein zweites Mal ansehen muss. 

Bewertung: 5/10



Dienstag, 10. Oktober 2017

Narcos


Originaltitel: Narcos
Sender: Netflix
Länge: 3 Staffeln a 10 Folgen (je Folge zwischen 45-50 Minute)
Cast: Pedro Pascal (Javier Pena), Wagner Moura (Pablo Escobar), Boyd Holbrook (Steve Murphy), Alberto Ammann (Pacho Herrera), Paulina Gaitan (Tata Escobar), Juan Murcia (Juan Pablo Escobar), Raul Mendez (Cesar Gaviria), Jorge Monterrosa (Trujillo), Diego Catano (La Quica), Julian Diaz (Blackie), Joanna Christie (Connie Murphy), Maurice Compte (Horacio Carrillo)

Das Angebot an Serien und Filmen auf den diversen Plattformen ist mittlerweile dermaßen groß und unübersichtlich, dass es einem regelrecht schwer fällt Schritt mit den zahlreichen Veröffentlichungen und Neuerscheinungen zu halten. Eigentlich stand die Netflix-Serie "Narcos" bereits kurz nach deren Veröffentlichung vor zwei Jahren auf meiner Watchlist und die ersten beiden Folgen wussten auch sofort zu gefallen. Doch bei den ersten Episoden ist es dann auch für einige Zeit geblieben und mein Fokus verschob sich aus mir heute unbekannten Gründen auf andere Serien, weshalb "Narcos" ein wenig in Vergessenheit bei mir geraten ist obwohl Senor Escobar stets prominent vom Startschirm grinste.

Kurz nach Release der ersten Staffel bestellte Netflix direkt eine zweite und die Serie entwickelte sich rasch zu einem Hit, der Kritiker wie Publikum gleichzeitig begeisterte und mittlerweile für den amerikanischen Streaminganbieter zu einem Aushängeschild geworden ist. "Narcos" ist die bisher erfolgreichste Eigenproduktion und kommt bereits auf drei Staffeln, wobei eine vierte bereits in Auftrag gegeben wurde. Auf der Suche nach neuem "Stoff" bin ich als erklärter Serienjunkie dann schließlich vor drei Wochen wieder auf die Serie gestoßen und war diesmal fest dazu entschlossen es diesmal auch wirklich durch zuziehen und daran konnte auch ein zwischenzeitlicher zweiwöchiger Urlaub in Spanien - wo Narcos von allen möglichen Werbeflächen beworben wird - nichts daran ändern. So wurde die Erkrankung meiner Freundin während der letzten Urlaubstage kurzerhand dazu genutzt die ersten zwei Staffeln im Hotelzimmer durch zu bingen. Aus dem Besuch der Alhambra wurde somit zwar nichts, dafür tauchten wir allerdings ein in die Welt der kolumbianischen Drogenkartelle der 80er und 90er Jahre und während an der Zimmertür ein Schild mit der Aufschrift "por favor no molestar" hing, lieferten sich die Drogenkartelle von Medellin und Cali auf unserem Tablet lautstarke Schussgefechte. Und so viel kann ich bereits verraten, die Serie hat mir ausgesprochen gut gefallen und ironisch erweise regelrecht süchtig gemacht...



Für alle jene, welche die Serie noch nicht kennen, worum geht es? Die ersten beiden Staffeln von "Narcos" behandeln den Aufstieg und Fall von Pablo Escobar (Wagner Moura) und des Medellin-Kartells. Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Pablo Escobar zählte am Zenit seiner Macht zu einer der reichsten Männer der Welt und lieferte sich über Jahre hinweg einen brutalen Krieg mit der kolumbianischen Regierung, der amerikanischen Drug Enforcement Administration (DEA) sowie dem konkurrierenden Cali-Kartell. Letzteres wird übrigens in der dritten Staffel von "Narcos" thematisiert. Während sich die erste Staffel im Wesentlichen mit dem Aufstieg von Escobar beschäftigt, widmet sich die zweite dem Fall von Escobar und des Medellin-Kartells sowie der allmählichen Übernahme deren Drogengeschäfte durch das Cali-Kartell. Die Geschichte basiert dabei auf wahren Begebenheiten und Ereignissen, wobei Netflix vor jeder Episode ausdrücklich darauf hinweist, dass es aus dramaturgischen Gründen zu Abweichungen und Änderungen kommen kann. Während der einzelnen Episoden werden dabei auch immer wieder Originalaufnahmen eingeblendet. Erzählt und vorangetrieben wird die Geschichte von "Narcos" durch die beiden amerikanischen DEA-Agenten Javier Pena (Pedro Pascal) und Steve Murphy (Boyd Holbrook), der immer wieder als "Voice-over" rückblickend über die Operationen gegen Escobar berichtet. 

"Narcos" ist sowohl visuell als auch aus erzählerischer Sicht äußerst gelungen und man erkennt sehr schnell, warum die Serie dermaßen erfolgreich und populär ist. Sie zieht einen direkt mit den ersten Episoden hinein in diese düstere und paranoide Welt der Drogenkartelle aus der es kein Entkommen gibt. Ein Entkommen scheint es dabei auch für den Zuschauer nicht zu geben, denn die Serie entwickelt ähnlich wie Kokain rasch das Bedürfnis nach mehr und hat einen extrem hohen "Bingefaktor". 




Und das obwohl "Narcos" ohne große Stars in der Cast auskommt. Pedro Pascal, den viele Fans vielleicht aus seiner Rolle als Oberyn Martell in "Game of Thrones" kennen, ist dabei noch der bekannteste. Sein Kollege Boyd Holbrook kennt man wenn überhaupt bisher nur aus kleineren Nebenrollen. Trotzdem baut man sehr schnell eine Bindung zu den beiden Charakteren auf und fiebert mit bei ihrer Jagd auf Pablo Escobar. Diese Jagd fordert von beiden einiges ab und sowohl Javier Pena als auch Steve Murphy müssen im Verlauf der ersten Staffel erkennen das man bisweilen selbst zu einem Monster werden muss, um ein Monster zu jagen. Beide treffen dabei nicht immer die besten oder moralisch einwandfreisten Entscheidungen und die daraus resultierenden Konsequenzen nagen schwer an den Charakteren. "Narcos" ist hier insofern erfrischend anders als das die Serie ihre amerikanischen Charaktere nicht wie sonst oft gerne üblich als moralisch integere "Übermenschen" darstellt, sondern diese Ecken und Kanten haben, was sowohl von Pedro Pascal als auch Boy Holbrook glaubwürdig umgesetzt wird. 

Gleichzeitig thematisiert "Narcos" auch die oftmals sehr fragwürdige Politik der Vereinigten Staaten in Süd- und Lateinamerika unerwartet offen und kritisch und ist auch in der Darstellung der Arbeit der Geheimdienste schonungslos aber trotzdem un polemisch. Die Darstellung der komplizierten und komplexen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre in Kolumbien herrschten, ist dabei einer der interessantesten und spannendsten Aspekte der Serie. Allen voran die schwierige Lage in der sich der kolumbianische Präsident Cesar Gaviria befindet, der einerseits durch die Amerikaner unter Druck gerät konsequent gegen die Narcos und allen voran Pablo Escobar vorzugehen, andererseits den Druck durch den Terror der Narcos und den Wunsch der Bevölkerung nach Frieden zu spüren bekommt und dabei niemanden vertrauen kann, weil der Staatsapparat von Korruption durchzogen ist, machen "Narcos" zu einer fesselnden und spannenden Serie abseits von irgendwelchen Actionszenen.




Letztendlich hat die Serie ihren Erfolg aber vor allem einen bis dato völlig unbekannten Mann zu verdanken: Wagner Moura. Der brasilianische Schauspieler, der den Pablo Escobar spielt, liefert in jeder Szene eine äußerst starke Leistung ab und spielt den Charakter des Pablo Escobar sehr vielschichtig und überzeugend. Vom liebenden Familienvater für den man als Zuschauer im Verlaufe der Serie durchaus Empathie empfindet und der gerade bei den ärmeren Schichten seiner Heimat aufgrund seiner Großzügigkeit lange Zeit beliebt ist bis hin zum brutalen Monster, das hunderte von Menschen auf dem Gewissen hat und mit seinen Sicarios das ganze Land terrorisierte. Moura stiehlt allen die Show und das obwohl eigens für "Narcos" zunächst spanisch lernen musste. Seine Darstellung des Pablo Escobar ist äußerst intensiv und als Zuschauer gerät man bis weilen ein wenig in Zwiespalt, was die in "Narcos" dargestellte Figur des Pablo Escobar gerade zum Schluss betrifft. Alles Geld der Welt und schier grenzenlose Macht und Einfluss können Escobar letztendlich nicht vor seinem unausweichlichen Schicksal bewahren. Am Ende ist der berüchtigste Drogenboss aller Zeiten ein komplett gebrochener Mann, dessen Welt in Trümmern liegt und der getrennt ist von den Menschen, die ihm am meisten bedeuteten.

Als Zuschauer empfindet man in diesen Momenten fast schon Mitleid und muss sich erst wieder in Erinnerung rufen für welche Gräueltaten dieser Mann selbst verantwortlich war und dabei vor nichts zurückschreckte. Zumindest fühlte ich mich am Ende ein wenig so und das liegt an Wagner Moura, der Escobar sehr vielschichtig darstellt und nicht nur als reines Monster. Vielleicht liegt dies auch einfach daran, dass es der Serie nicht immer bzw. nur selten gelingt eine emotionale Bindung zu seinen Gräueltaten herzustellen. Porträtiert wird Escobar als liebevoller Familienvater und Drogenboss, dessen Drecksarbeit vorwiegend von dessen Auftragskillern erledigt wird. Nur ganz selten wie etwa in seinem selbst geschaffenen Gefängnis "La Catedral" wird gezeigt wie Pablo sich selbst einmal die Hände schmutzig macht. Die ein oder andere derartige Szene mehr hätte vielleicht ganz gut getan, trotzdem ist es gerade diese Vielschichtigkeit, welche die Serie so gut macht. Auch auf der anderen Seite des Gesetzes schildert die Serie nicht nur eine Geschichte aus Schwarz und Weiß, sondern zeigt auch viele Grautöne. 

"Narcos" zählt zweifellos zu den besten Beiträgen zum Thema Escobar, Drogenhandel oder organisierten Verbrechen. Die Serie ist visuell wie erzähltechnisch auf einem Niveau, wo sie selbst Vergleiche mit großen Werke wie "Goodfellas" oder "Der Pate" nicht zu scheuen braucht. 

Freitag, 6. Oktober 2017

Killer's Bodyguard



Originaltitel: The Hitmans Bodyguard
Land/Jahr: USA 2017
Dauer: 118 Minuten
Regie: Patrick Hughes
Cast: Ryan Reynolds (Michael Bryce), Samuel L. Jackson (Darius Kincaid), Salma Hayek (Sonia Kincaid), Gary Oldman (Vladislav Duhkovich), Elodie Yung (Amelia Roussel), Rod Hallett (Professor Asimov) 

Bodyguard Michael Bryce ist einer der besten seines Faches und sein Motto "Langweilig ist immer am Besten" ist in seinem Triple A Sicherheitsservice stets Programm. Doch als bei einem Auftrag plötzlich im letzten Moment etwas gehörig schief läuft und sein Klient dabei ums Leben kommt, ist sein Ruf schlagartig ruiniert und sein Leben gerät ins Wanken.

Zwei Jahre später ist vom Triple A Sicherheitsservice nicht mehr viel übrig geblieben und Bryce versucht über die Runden zu kommen, indem er drogenabhängige und paranoide Firmenchefs beschützt, als sich ihm unverhofft die Gelegenheit bietet seinen guten Ruf wiederherzustellen. Er wird von seiner Ex-Freundin, der Interpol-Agentin, Amelia Roussel, kontaktiert die in Schwierigkeiten steckt und seine Hilfe braucht. Bryce soll den Auftragskiller Darius Kincaid nach Den Haag bringen, wo dieser als Belastungszeuge vor dem Internationalen Gerichtshof gegen den weißrussischen Präsidenten Vladislav Duhkovich aussagen soll. Im Gegenzug für seine Aussage soll Kincaids Frau Sonia, die ebenfalls im Gefängnis sitzt, frei kommen. Das Unterfangen ist jedoch nicht ungefährlich, denn bisher hat es keiner der Zeugen vor Gericht geschafft und Bryce und Kincaid haben außerdem eine gemeinsame Vergangenheit...


Gegensätze ziehen sich bekanntlich an und "Killers Bodyguard" folgt diesbezüglich der altbekannten Formel für Buddy-Movies: Zwei hinsichtlich ihrer Weltanschauung, Herkunft und Temperaments völlig unterschiedliche Charaktere, die einander zunächst nicht wirklich viel abgewinnen können, geraten gemeinsam in ein Ereignis, welches sie jedoch nur gemeinsam meistern können. Dies bietet gleichzeitig die Gelegenheit für zahlreiche Actionszenen, Oneliner und die ein oder andere komödiantische Einlage. In "Killers Bodyguard" besteht das ungleiche Paar diesmal aus "Deadpool" Ryan Reynolds und Samuel L. Jackson und die beiden machen das, was sie am besten können. Während Reynolds wie üblich den Zyniker mimt, ist Samuel L. Jackson eben Samuel L. Jackson, der als fluchendes Gegenstück zu Reynolds alle paar Minuten eine "Motherfucker" Bombe zündet. Als vergnüglicher Sidekick der beiden agiert Salma Hayek als Jacksons Ehefrau Sonia, die für die ein oder andere vergnügliche Szene sorgt.

Der Film verdankt es dann letztendlich auch den drei Darstellern, die ausgezeichnet miteinander harmonieren und einen ansonsten äußerst un inspirierten Plot und repetitive Actionszenen ein wenig vergessen lassen und den Film zumindest ein wenig vor der Versenkung retten. Die Story ist ziemlich dünn und hanebüchen und dient letztlich nur als Mittel zum Zweck. Dass wäre genauso verschmerzbar wie die übertriebenen Actionszenen, die sich allerdings mehr oder weniger immer wieder wiederholen und spätestens nach der zweiten Autoverfolgungsjagd ein wenig langweilig werden. Auch über die stellenweise schlechten Effekte kann man noch wohlwollend hinwegsehen, wenn denn der Film auch nur ansatzweise so zünden würde, wie es der äußerst unterhaltsame Trailer im Vorfeld suggerierte. 

Dieser war nicht nur äußerst gelungen und machte Lust auf mehr, sondern ließ gleichzeitig auch die Erwartungen an den Film und den Unterhaltungsfaktor steigen, denen er letztendlich nicht gerecht werden konnte, weil der durchwegs geniale Trailer im wesentlich die besten Szenen des Films zu Whitney Houstons Song "Bodyguard" bereits verbraten hat. Es ist also gut möglich, dass der Film für jemanden der den Trailer vorher nicht mehrmals gesehen hat besser funktioniert. 

Bewertung: 4/10


Freitag, 1. September 2017

Atomic Blonde


Originaltitel: Atomic Blonde
Land/Jahr: USA 2017
Dauer: 115 Minuten
Regie: David Leitch
Cast: Charlize Theron (Lorraine Broughton), James McAvoy (David Percival), Eddie Marsan (Spyglass), John Goodman (Emmett Kurzfeld), Toby Jones (Eric Gray), James Faulkner ("C"), Roland Möller (Alexander Bremovych), Sofia Boutella (Delphine Lasalle), Sam Hargrave (James Gascoigne)

Berlin 1989: Kurz vor dem Mauerfall ist die geteilte Stadt ein Tummelplatz sämtlicher Geheimdienste dieser Welt. Egal ob CIA, KGB oder MI6 alle jagen sie einer mysteriösen Liste hinterher, welche wertvolle Informationen über sämtliche Spione auf beiden Seiten der Stadt enthält. Nachdem der MI6 Agent James Gascoigne beim Versuch Informationen einer geheimen Quelle aus dem Ostteil der Stadt in den Westen zu bringen getötet wird, entsendet der MI6 die erfahrene Agentin Lorraine Broughton nach Berlin um die Liste zu besorgen und gleichzeitig einen Doppelagenten namens Scatchel zu enttarnen, der Informationen an die Russen verkauft. 

Als Kontaktmann wird Broughton David Percial genannt, ebenfalls Agent und die Nummer Eins des MI6 in Berlin. Dieser trifft auf einer illegalen Party einen Stasi Offizier mit dem Codenamen "Spyglass", der vorgibt Gascoigne die Liste auf einem Mikrofilm übergeben und somit seinen Teil des Deals erfüllt zu haben. "Spyglass" besteht darauf das er und seine Familie aus Ostberlin gebracht werden, da die Russen ihnen längst auf der Ferse sind. Doch ohne Liste auch kein Deal.

Lorraines Ankunft in Berlin bleibt jedoch nicht unbemerkt. Während sie von einer geheimnisvollen Frau namens Delphine beschattet wird, weiß auch der KGB rund um den skrupellosen Alexander Bremovych Bescheid und bereitet der nichtsahnenden MI6-Agentin einen entsprechenden Empfang. Diese lässt sich nicht zwei Mal bitten und verteilt unter den Klängen von Peter Schillings "Major Tom" völlig losgelöst die ersten Portionen Prügel.


Und davon verteilt Charlize Theron in ihrer Rolle als gnadenlose MI6-Agentin Lorraine Broughton im Verlaufe des Films reichlich und scheut auch nicht vor der ein oder anderen Schießerei zurück. Therons Charakter teilt jedoch nicht nur aus, sondern zeigt erstaunliche Nehmerqualitäten und eine faszinierende Kreativität in der Wahl der Mittel mit denen sie ihre Widersacher ausschaltet. Da werden mitunter auch schon mal alltägliche Gegenstände wie Lampenschirme, Kochplatten oder der Schlüsselbund zweckentfremdet, um dem Gegner den Gar aus zu machen. Im Gegensatz zu anderen weiblichen Actionheldinnen lastet auf Lorraines Schultern weder das Schicksal der Menschheit noch sinnt sie auf Rache. Broughton erledigt schlicht und ergreifend ihren Job und so fühlt es sich auch jedes Mal an, wenn sie nach einer Prügelei oder Schießerei abends gerädert in ihr Hotelzimmer kommt. Als käme sie soeben aus ihrer Schicht im Kundendienst heim. Charlize Theron gelingt es dabei einem an und für sich kühlen und emotionsfreien Charakter genügend Sympathien zu verleihen, sodass man als Zuschauer in jeder Actionszene mitfiebert wenn Lorraine irgendwelche Typen die Stiegen runter tritt oder Prügel verteilt, um an diese verdammte Liste zu kommen. Und das obwohl Lorraines  komplexer Charakter abseits des Actionspektakels recht wenig Raum bekommt. Sieht man mal von ein paar heißen Szenen in Unterwäsche und einem kleinen lesbischen Techtelmechtel ab, erfährt man recht wenig über sie. Das ist aber mitunter nicht so schlimm wie es klingt, bleibt einem als Zuschauer so etwa die klischeehafte und oftmals erzwungen wirkende Etablierung eines "Love-Interest" somit erspart. 

Neben Charlize Theron weiß auch James McAvoy in seiner Rolle des zwielichtigen und überdrehten Agenten David Percival zu überzeugen. Mit dem Dänen Roland Möller und dem Isländer Johannes Johanesson kann "Atomic Blonde" zudem mit zwei interessanten europäische Darstellern aufwarten, die ihre Sache als Antagonisten sehr gut machen und man wird die beiden wohl nicht zum letzten Mal in einem Hollywoodstreifen gesehen haben.


Im Wesentlichen sind es drei Faktoren, die den Film durchaus sehenswert machen. Das sind zum einen die beeindruckend durch choreographierten Actionszenen in denen Charlize Theron übrigens sämtliche ihrer Stunts selbst machte, eine gewisse Nostalgie die sich aufgrund des tollen Costume Design und des Soundtracks breit macht und letztendlich die visuelle Gestaltung des Films, die nicht von ungefähr einen gewissen Comic Charme versprüht. "Atomic Blonde" basiert auf der 2012 erschienen Graphic Novel "The Coldes City" von Antony Johnston. Der Stil des Films erinnert ein wenig an eine Mischung aus Sin City und John Wick. Nur ohne Hund und weniger Schwarz-Weiß. Aber mindestens genauso "Badass". Leider bleibt dabei die Geschichte ein wenig auf der Strecke liegen und in der Frage ob Stil oder Substanz zieht letztere definitiv den Kürzeren. Das merkt man "Atomic Blonde" vor allem in der ersten Hälfte deutlich an, die sich abgesehen von den Actionszenen, inhaltlich ein wenig zieht. Zu einem potentiellen Kultfilm wird es daher wohl nicht reichen, dafür bietet er zu wenig substanzielles und zu wenige erinnerungswürdige Dialoge.

Apropo 80er Jahre Musik: Die ist im Film natürlich äußerst präsent und bietet von David Bowie, The Clash bis hin zu Nenas "99 Luftballons" viele bekannte Hits, die immer wieder gekonnt ins Szene gesetzt werden und für eine gewisse Nostalgie sorgen. Leider dürften die Macher dann doch etwas zu sehr in den 80er Jahren hängen geblieben sein, denn letztendlich haben sie es mit dem Einsatz von 80er Hits ein wenig übertrieben. Man wird regelrecht mit Songs bombardiert und es gibt nahezu keinen Moment im Film in dem er ohne auskommt. Das führt in weiterer Folge dazu, dass sich beim Zuschauer allmählich ein gewisser Sättigungseffekt einstellt und der Soundtrack durch die Omnipräsenz ein wenig an Wirkung verliert.

Nichtsdestotrotz hat man schon schlechtere Filme gesehen und für einen launigen Action-Filmabend ist "Atomic Blonde" definitiv eine gute Wahl.

Bewertung: 6/10

Sonntag, 27. August 2017

Free State of Jones


Originaltitel: Free State of Jones
Land/Jahr: USA 2016
Dauer: 2016

Regie: Gary Ross
Cast: Matthew McConaughey (Newton Knight), Gugu Mbatha-Raw (Rachel), Mahershala Ali (Moses Washington), Keri Russell (Serena Knight), Christopher Berry (Jasper Collins), Sean Bridgers (Will Sumrall)

Links, Links, Links, Rechts, Links... Ein Regiment konföderierter Soldaten bewegt sich im Gleichschritt in der für die damaligen Zeit typischen linienförmigen Gefechtsformation auf einen Kamm zu. Angefeuert von ihren Befehlshabern marschiert das Regiment über die Leichen zahlreicher bereits gefallener Kameraden hinweg. Den Soldaten steht die Anspannung und die Angst deutlich ins Gesicht geschrieben. Am Kamm angekommen zerfetzt eine der ersten Kugeln dem Befehlshaber das Gesicht und die konföderierten Soldaten fallen unter dem Beschuss der Unionisten Artillerie wie Dominosteine während sie unentwegt weiter in ihrer Gefechtsformation marschieren...

Bereits in den ersten Minuten verdeutlicht Free State of Jones die Grausamkeit und Brutalität des amerikanischen Bürgerkriegs, der zwischen 1861 und 1865 zwischen den aus den Vereinigten Staaten von Amerika ausgetretenen Südstaaten und den in der Union verbliebenen Nordstaaten tobte und dabei mehr als 600.000 Menschen das Leben kostete. Der auch als Sezessionskrieg bezeichnete Bürgerkrieg ist das blutigste Gemetzel, das die USA je erlebten und diesem ging eine tiefe wirtschaftliche, soziale und politische Spaltung zwischen den Nord- und Südstaaten voraus, die im Verlaufe der Jahre immer mehr an der Sklavereifrage zu Tage trat. 

Vor diesem Hintergrund erzählt Regisseur Gary Ross in Free State of Jones basierend auf wahren Ereignissen die Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegshelden Newton Knight. Knight, ein Südstaatler und Farmer aus Jones County in Mississippi, kämpft mit einigen anderen Männern aus seiner Heimat im siebten Mississippi Infanterie Regiment auf Seite der Konföderierten. Als Sanitäter schleppt er dabei die Verwundeten vom Schlachtfeld in die hoffnungslos überfüllten Sanitätszelte in denen es nicht annähernd genügend Ärzte gibt um die immer weiter ansteigende Zahl von Verwundeten versorgen zu können. Blut und abgetrennte Gliedmaßen wohin man sieht. Ein schier unendliches Elend in dem Newton immer mehr der Kriegsmüdigkeit erliegt und beginnt die Sinnhaftigkeit des Krieges zu hinterfragen. 



"Free State of Jones" ist in vielerlei Hinsicht erfrischend anders als andere Bürgerkriegsfilme und funktioniert sogar als Antikriegsfilm ausgesprochen gut. Das liegt zum einen daran das der Film komplett auf jeglichen Pathos oder Patriotismus verzichtet den man sonst so gewohnt ist und zum anderen daran das die einzelnen Charaktere und hier allen voran Protagonist Newton Knight viele berechtigte Zweifel und Fragen hinsichtlich der Motivation in solch einem Krieg zu kämpfen aufwerfen. "Poor Man's fight and a rich man's war" wurde für viele der eingezogenen Soldaten vornehmlich aus den ärmeren Schichten zu einem Schlagwort für den Bürgerkrieg, der mit Fortdauer des Kampfes nicht mehr ihr Krieg war. Denn schließlich konnten sie sich selbst keine Sklaven leisten und warum sollten sie sich für den Reichtum anderer opfern? Gerade in der ersten Hälfte bietet "Free State of Jones" diesbezüglich immer wieder tolle Dialoge und Szenen, welche für eine glaubwürdige und nachvollziehbare Motivation der einzelnen Charaktere sorgen.

So denkt auch Newton Knight und das vom konföderierten Kongress verabschiedete "Twenty Negro Law", welches jeden der 20 oder mehr Sklaven besitzt vom Kriegsdienst frei stellt und damit in erster Linie wieder die Reichen begünstigt und vom Kampf entbindet, lässt die Unzufriedenheit unter den Soldaten weiter steigen. Die Anmerkung eines Kameraden er kämpfe nicht für Baumwolle, sondern für die Ehre quittiert Knight mit einer ironischen Antwort: "Das ist gut, denn wer kämpft schon für Baumwolle?". Szenen wie diese zählen zu den absoluten Stärken des Films, der mehr Wert auf Dialoge und Charakterszenen legt als Auf Actionszenen. Tatsächlich beschränken sich die Actionszenen auf wenige Minuten, wer also große Schlachten und Schießereien erwartet dürfte entsprechend enttäuscht sein.

Als bei einer neuerlichen Offensive der Konföderierten sein Neffe unglücklich ums Leben kommt beschließt Newton den Leichnam zurück in die Heimat zu bringen. Er desertiert und kehrt zu seiner Familie nach Jones County zurück, wo er jedoch bald feststellen muss, dass konföderierte Truppen der lokalen Bevölkerung immer mehr die Lebensgrundlage entzieht in denen sie Vieh, Lebensmittel und andere Wertgegenstände als Steuer einziehen, um damit den Krieg gegen den Norden zu finanzieren. Er hilft einer Familie sich dem zu Widersetzen und gerät als Deserteur dabei selbst ins Visier der Konföderierten. Newton findet schließlich Zuflucht in den Sümpfen von Mississippi wo er auf Moses Washington und andere geflüchtete ehemalige Sklaven trifft. Dort entziehen sie sich dem Zugriff durch die Konföderierten. Obwohl Deserteuren der Tod durch den Strang droht, entfliehen immer mehr Soldaten dem Elend und Grauen an der Front und finden in den Sümpfen Zuflucht, wo sich mittlerweile eine kleine Community und der Führung von Newton Knight gebildet hat. 




Die ehemaligen Soldaten der Südstaaten und die entlaufenen Sklaven beginnen ganz offen gegen die Konföderierten zu revoltieren. Sie überfallen konföderierte Convoys und helfen örtlichen Farmern sich den Steuereintreibern zu widersetzen, während sie dabei immer weitere Teile von Mississippi unter ihre Kontrolle bringen und schließlich den "Free State of Jones" ausrufen. 

Der Charakter des Newton Knight fungiert dabei stets als Motor des gesamten Films und Matthew McConaughey liefert dabei eine sehr feine Leistung ab, die leider nicht ganz die Anerkennung bekommen hat, die sie eigentlich verdiente. Generell hat der Film sowohl bei Publikum und Kritikern viel zu wenig Beachtung gefunden, dabei ist die gesellschaftspolitische Relevanz des Film heute aktueller denn je angesichts der Ereignisse in Charlottesville vor wenigen Wochen und den immer wieder aufkeimenden Rassenkonflikten in den Vereinigten Staaten. Und man muss sich dabei immer wieder in Erinnerung rufen das Newton Knight kein fiktionaler von Hollywood erfundener Charakter ist, sondern tatsächlich existierte. Ein Südstaatler, dessen Großvater selbst Sklaven besaß und sich nicht nur gegen die Konföderation wandte, sondern eine ehemalige Sklavin heiratete und sich auch nach Ende des Bürgerkriegs für die Rechte der Schwarzen einsetzte zu einer Zeit in der dies alles andere als selbstverständlich war ist ein durchaus interessanter Protagonist und eine Geschichte, die es verdient hat erzählt zu werden.



Knights Loyalität gilt dabei einzig und allein seiner Familie und seine Weltanschauung wonach jeder Mensch ein Mensch sei solange er nur aufrecht gehen könne ist zwar etwas sehr religiös motiviert, doch für die damalige in diesem Teil der USA regelrecht revolutionär. Vor allem wenn man bedenkt das auch im Norden  lange Zeit keine Mehrheit in der Bevölkerung für eine Abschaffung der Sklaverei war. Dem Film gelingt es dabei dies immer stets glaubwürdig und nachvollziehbar darzustellen nur in einigen wenigen Szenen schießt man dabei etwas über das Ziel hinaus. Ross findet dabei insgesamt ein gutes Pacing und Gleichgewicht und beweist ein Auge fürs Detail denn nicht jeder der Charaktere weist etwa ein strahlend, weißes Hollywoodlächeln auf. Generell wird Authentizität groß geschrieben und so werden immer wieder während des Film Originalbilder der damaligen Zeit eingeblendet, die allerdings etwas störend wirken. 

Die Hauptstory um Newton Knight wird dabei immer wieder durch einen anderen Storystrang unterbrochen, der 85 Jahre später in einem Gerichtssaal in Mississippi spielt. Hier muss sich Davis Knight, ein Urenkel von Newton Knight, vor dem Gericht dafür verantworten das er eine Weiße heiraten möchte. Er selbst gilt als Nachfahre von Newton Knight und der ehemaligen Sklavin Rachel, allerdings als zumindest ein Achtel Schwarz und verstößt somit gegen das in Mississippi geltende Rassengesetz. Auch diesen Fall hat es 1948 tatsächlich gegeben und er verdeutlicht das selbst Jahrzehnte nach Ende des Bürgerkriegs die Schwarzen sich immer noch mit zahlreichen Repressionen konfrontiert sahen. Während diese Geschichte durchaus interessant und passend ist, so störend ist deren Platzierung in Form von mehreren kurzen Szenen innerhalb der eigentlichen Haupthandlung. Die Szenen wären am Ende der Haupthandlung wohl wesentlich besser aufgehoben gewesen ohne dabei ihre Wirkung oder Bedeutung zu verlieren. 




Erfrischend anders ist auch die visuelle Gestaltung von "Free State of Jones". Der Film wirkt im Gegensatz zu anderen Bürgerkriegsdramen wie "Gettysburgh" oder "Glory" sehr organisch und hat einen natürlichen Look. Verantwortlich dafür zeichnet Benoit Delhomme, der diesen organischen Look bereits in "Lawless" erfolgreich inszenierte und in "Free State of Jones" weitgehend auf Tripods setzte, um die Kamerabewegungen auf ein Minimum zu reduzieren. Auch beim Licht setzte man hauptsächlich auf natürliche Lichtquellen wie Feuer oder Kerzen, um größtmögliche Authentizität zu gewährleisten. Und das hat sich durchaus ausgezahlt, denn "Free State of Jones" wirkt weniger wie ein Film als viel mehr wie eine Dokumentation und bringt dem Zuschauer damit diese historische Geschichte noch einmal ein Stückchen näher. 

Bewertung: 7/10





Sonntag, 13. August 2017

The Promise - Die Erinnerung bleibt


Originaltitel: The Promise
Land/Jahr: USA 2016

Länge: 134 Minuten
Regie: Terry George
Cast: Oscar Isaac (Mikael Boghosian), Charlotte Le Bon (Ana Khesarian), Christian Bale (Chris Myers), Marwan Kenzari (Emre Ogan), Tom Hollander (Garin), Angela Sarafyan (Maral), Numan Acar (Mustafa), Igal Naor (Mesrob Boghosian)


Konstantinopel 1914. Kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges steht das Osmanische Reich am Rande des Zusammenbruchs. Das Schicksal des Osmanischen Reiches hängt in der Schwebe und mit ihm jenes der dort beheimateten Griechischen, Assyrischen und Armenischen Minderheiten.

Der Apotheker Mikael Boghosian begibt sich in Sirun, einem kleinen Bergdorf im südöstlichen Teil des Osmanischen Reiches, auf die Reise nach Konstantinopel, um sich dort seinen Traum eines Medizinstudiums zu erfüllen. Um dieses allerdings finanzieren zu können, hat er sich Maral, der Tochter eines wohlhabenden Nachbarn, versprochen und dafür eine Mitgift von 400 Goldmünzen erhalten. In Konstantinopel wird er schließlich von seinem wohlhabenden Onkel Mesrob aufgenommen, der im großen Basar ein florierendes Geschäft betreibt.

In dessen Haus lernt er Ana Khesarian kennen, eine Armenierin die in Paris aufgewachsen ist und nun in ihre Heimat zurückgekehrt ist um wieder Anschluss an ihre familiären Wurzeln zu finden. Auch an der Akademie findet Mikael rasch Anschluss und freundet sich mit Emre Ogan, dem Sohn eines hohen türkischen Offiziers an, dessen Vater ihn vor die Wahl gestellt hat entweder dem Militär beizutreten oder ein Medizinstudium zu absolvieren. Mikael ist von der bezaubernden Ana angetan, muss jedoch angesichts eines gesellschaftlichen Anlasses rasch feststellen, dass diese offenbar bereits an den amerikanischen Journalisten Chris Meyers vergeben ist. Trotzdem beginnt sich zwischen Mikael und Ana eine Liebesgeschichte zu entwickeln, die jedoch unter den zunehmenden internationalen Spannungen und den Ausbruch des ersten Weltkrieges in den Hintergrund rückt.

In Konstantinopel und anderen Teilen des Osmanischen Reiches kommt es in Folge dessen zu nationalistischen Kundgebungen und vermehrt auch zu Übergriffen auf die armenische Minderheit. Die Lage spitzt sich immer weiter zu und während Chris Meyers selbst Augenzeuge der türkischen Vertreibungspolitik und von wahllosen Exekutionen wird, entgeht Mikael einem Einzug in die Armee nur dank der Hilfe seines Freundes Emre. Das Geschäft von Onkel Mesrob wird indessen völlig zerstört und er selbst verhaftet. Bei dem Versuch seinen Onkel aus der Gefangenschaft zu befreien, gerät Mikael schließlich selbst in Gefangenschaft und wird in ein Arbeitslager geschickt, wo er beim Bau der Eisenbahn Zwangsarbeit verrichtet.

Bei einer Explosion gelingt ihm jedoch eines Tages die Flucht und er kehrt in sein Dorf zurück, in dem sich die türkische Bevölkerung ebenfalls gewalttätig den armenischen Teil richteten und ihn ein altes Versprechen einholt...


Für Regisseur Terry George ist "The Promise - Die Erinnerung bleibt" bereits der zweite Film zum Thema Völkermord. Bereits 2004 thematisierte er in "Hotel Ruanda" den Völkermord und das Versagen der internationalen Staatengemeinschaft in Ruanda. Mit seinem prominent besetzten Film "The Promise" ruft er nicht nur den Völkermord an den Armeniern einer breiten Öffentlichkeit ins Gedächtnis, sondern behandelt auch ein historisches Ereignis das nach wie vor höchste politische Brisanz besitzt. Denn obwohl der Völkermord an den Armeniern historisch durch ausreichend dokumentarisches Material und Quellen belegt und von Historikern anerkannt ist, weigert sich die Türkei als offizieller Nachfolger des Osmanischen Reiches und ein Großteil des türkischen Volkes, diesen als solchen anzuerkennen. Stattdessen wird auf "kriegsbedingte Sicherheitsmaßnahmen" verwiesen, die zum Schutze des Osmanischen Reiches notwendig waren. Zwischen 300.000 und 1.500.000 Armenier kamen bei Massakern, Todesmärschen und Hungersnöten ums Leben und das Thema belastet nach wie vor die Beziehungen zwischen beiden Ländern.

Vor dem Hintergrund dieser historischen Ereignisse erzählt nun "The Promise" die Geschichte eines Liebesdreieck und was nach reichlich Klischee-Beladenen Stoff mit ordentlich Schmalz klingt, in dem gegenseitige Eifersucht und Verrat dominieren, entpuppt sich die Liebesgeschichte um Ana, Mikael und Chris als recht bodenständig und erfrischend unaufgeregt, der allerdings etwas mehr Tiefgang und Charakterzeichnung ganz gut getan hätte. Trotzdem funktioniert die Geschichte gut genug und dient als emotionaler Zugang zum Horror, der sich um die Charaktere herum immer weiter ausbreitet. Regisseur Terry George behandelt das Thema Genozid dabei mit genug Feingefühl, Besonnenheit und dem erforderlichen Grad an Details ohne dabei auf großartig explizite Szenen zurückgreifen zu müssen, um die Gräuel der Ereignisse zu verdeutlichen.

"The Promise" verfällt dabei zu keiner Zeit in reiner Schwarzweißmalerei oder Dämonisierung der Türken, sondern zeigt gleich in mehreren Szenen das es sehr wohl auch die andere Seite in der türkischen Bevölkerung gibt. Am deutlichsten wird dies vor allem durch den Charakter von Emre Ogan verkörpert, der entgegen seinem naturell von seinem Vater in eine Rolle gedrängt wird, die schlichtweg nicht seinem Herz, Charakter oder Weltbild entspricht. Trotz aller möglicher Konsequenzen versucht er seinen Freunden immer wieder zu helfen und muss dafür am Ende einen teuren Preis bezahlen. Schade ist nur das seine Darstellung gelegentlich zu naiv wirkt und dem Charakter damit ein wenig an Tiefe nimmt. Darüber hinaus gibt es aber auch noch einige andere positiv besetzte türkische Charaktere, wie etwa Mustafa, der Ana mit den Waisenkindern hilft oder ein lokaler Gouverneur der die Mission vor den herannahenden Truppen warnt. 

Schauspielerisch ist es vor allem Oscar Isaac und Charlotte Le Bon die überzeugen und ausgesprochen gut zusammen harmonieren. Christian Bale als amerikanischer Journalist der Associated Press ist gewohnt souverän und darüber hinaus gibt es einige unbekannte Darsteller in diversen Nebenrollen die eine beachtliche Leistung abliefern.


Mehr als 4.000 Männer, Frauen und Kinder suchten am Berg Musa Dagh Schutz vor den herannahenden türkischen Truppen. Die anschließende Belagerung und der armenische Widerstandskampf stellen auch im Film den großen dramatischen Höhepunkt dar, leider nicht immer vollends überzeugend inszeniert, entschädigt dafür vor allem das Ende für die ein oder andere technische Unzulänglichkeit. Dieses ist ziemlich gelungen und passt sehr gut zum Film ohne dabei jetzt viel zu verraten zu wollen.

Viele der Szenen in "The Promise" erinnern dabei auffallend stark an Filme über den zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Das kommt nicht von ungefähr, denn der Genozid an den Armeniern war nicht nur einer der ersten systematischen Völkermorde des 20. Jahrhunderts sondern diente Hitler und den Nazis später auch als eine Art Blaupause für deren Mord an Millionen von Juden. Hitler selbst fragte kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges Jahre später "Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier" und glaubte wohl, das seine Verbrechen ähnlich in Vergessenheit geraten werden wie jene der Türken. Umso wichtiger ist ein Film wie "The Promise" der trotz einiger kleinerer Schwächen ein historisch fast vergessenes Thema kollektiv wieder in Erinnerung ruft. 

"The Promise" startet am 17. August 2017 in den österreichischen und deutschen Kinos. Leider führt die nach wie vor brisante politische Thematik immer auch wieder zu politisch motivierten Negativreviews. Lassen Sie sich davon bitte nicht davon abhalten in den Film zu gehen. Terry George mag vielleicht nicht der ganz große Wurf gelungen sein, der Film ist jedoch absolut sehenswert und am besten verschafft man sich immer noch selbst ein Bild! 

Bewertung:  7/10






Sonntag, 6. August 2017

Planet der Affen: Survival



Originaltitel: War for the Planet of the Apes
Land/Jahr: USA 2017
Dauer: 140 Minuten
Regie: Matt Reeves
Cast: Andy Serkis (Caesar), Woody Harrelson (Colonel McCullough), Steve Zahn (Böser Affe), Karin Konoval (Maurice), Amiah Miller (Nova), Terry Notary (Rocket), Michael Adamthwaite (Luca), Judy Greer (Cornelia), Sara Canning (Lake), Aleks Paunovic (Winter).




Die Forschungsarbeiten an einem Heilmittel für Alzheimer setzten vor 15 Jahren in San Francisco unbeabsichtigt einen für Menschen tödlichen Virus frei, der sich über die internationalen Flugrouten schließlich über der gesamten Erde verbreitete. Der später als "Affengrippe" bezeichnete Virus dezimierte einen Großteil der Menschen und führte bei den Affen, an denen er zunächst erprobt wurde, zu einem sprunghaften Anstieg der Intelligenz und somit zur Evolution einer neuen Spezies. Unter der Führerschaft von Caesar, einem Schimpansen der sogar die menschliche Sprache beherrscht, gelang es den Affen aus dem Versuchslabor in die nahe gelegenen Wälder zu flüchten.

Während die Affen dort eine neue Zivilisation gründeten, kämpften die wenigen überlebenden Menschen in San Francisco zusehends ums Überleben. Ein fragiler Friede zwischen den Affen und Menschen war nur von kurzer Dauer und resultierte, getrieben durch Hass und Kriegstreiberei auf beiden Seiten, in einem offenen Konflikt. Die von Koba, einem von der menschlichen Gefangenschaft schwer traumatisierten Bonobo, angestachelten Affen attackierten die Kolonie der Menschen und es kam zu einer verlustreichen Schlacht auf beiden Seiten, in der die Affen letztendlich die Oberhand behielten. Doch der Preis, den sie für diesen Sieg bezahlten, war enorm. Nicht nur rückte damit ein Frieden und eine mögliche Ko-Existenz von Affen und Menschen in weite Ferne, den Menschen gelang es zudem während des Angriffes einen Notruf an eine Militärbasis im Norden abzusetzen...



Wenige Jahre später kursieren Gerüchte, wonach Caesar aus einem geheimen Versteck in den Wäldern den Kampf gegen die Menschen befehligt. Der rücksichtslose Special Forces Colonel McCullough und sein Bataillon befindet sich auf der Suche nach Caesar, um ihn und seine Zivilisation der Affen auszulöschen. Eine Einheit von McCulloughs Männern stößt dabei in den Wäldern tatsächlich auf einen Außenposten mit bewaffneten Affen. Es kommt zum Kampf. Den Affen gelingt es den Angriff abzuwehren und einige der Angreifer gefangen zu nehmen. Unter ihnen befindet sich auch ein Gorilla namens Red, der auf der Seite der Menschen kämpft nachdem er zuvor Koba bei einem Putsch gegen Caesar unterstützte. Caesar entscheidet sich dazu die gefangen genommenen Soldaten zusammen mit einem letzten Friedensangebot an den Colonel zurück zu schicken und Red für seine Verbrechen einzusperren. Doch noch bevor ein anderer Gorilla namens Winter Red einsperren konnte, gelingt diesem die Flucht.

Nach einer langen und anstrengenden Reise kehren Rocket und Blue Eyes, Caesars Sohn, zurück und berichten, dass jenseits der Berge eine Wüste liegt und sie einen passenden Ort gefunden haben für einen Neuanfang fernab von den Menschen. Ein baldiger Aufbruch in die neue Heimat ist jedoch nahezu ausgeschlossen, schließlich gibt es noch viele Vorbereitungen für die lange und beschwerliche Reise zu treffen und einen sicheren und unauffälligen Weg dorthin zu finden. Einige der Affen wollen jedoch aufgrund der immer näher heranrückenden Soldaten am liebsten sofort aufbrechen, doch Caesar schwört sie darauf ein, dass letztendlich die Affen nur gemeinsam stark sind.

Eines Nachts gelingt es den Soldaten und Colonel McCullough das Versteck der Affen hinter einem Wasserfall ausfindig zu machen und zu infiltrieren, während ein Großteil der Affen bereits schläft. Caesar, der nachdenklich noch einen Blick auf seine schlafende Familie wirft, wird plötzlich durch ein merkwürdiges grünes Schimmern im Wasser aus seinen Gedanken gerissen und entdeckt ein Seil inmitten des Wasserfalles. Er reagiert promt und eilt zu den Wachen. Denen gelingt es einige der Eindringlinge zu überwältigen, ein Funkspruch des Colonel lässt Caesar jedoch aufschrecken und er eilt zu seiner Familie zurück. Dort entdeckt Caesar seine tote Frau Cornelia und seinen Sohn Blue Eyes und den Colonel der gerade dabei ist den Rückzug anzutreten. Gepackt von Hass stürzt sich Caesar auf McCullough, doch diesem gelingt letzten Endes die Flucht.

Tief getroffen vom Verlust seiner Familie und geplagt von Albträumen in dem ihm immer wieder Koba erscheint, beschließt Caesar alleine Rache am Colonel zu nehmen und die anderen auf den gefährlichen Weg in die neue Heimat zu schicken.  Caesar bleibt jedoch nicht lange alleine und der Orangutan Maurice, der Gorilla Luca und der Schimpanse Rocket schließen sich ihm auf seinem Rachefeldzug an...



Mit "Planet der Affen: Survival" findet die Prequel-Trilogie zum 1968er Klassiker "Planet der Affen" mit Charlton Heston nicht nur einen mehr als würdigen Abschluss, sondern tritt gleichzeitig auch den Beweis an, dass die ansonsten viel gescholtenen Reboots auch eine Bereicherung darstellen können. Eine Bereicherung sind die Filme dabei sowohl aus technischer als auch aus inhaltlicher Sicht. Selten wirkten Computer generierte Charaktere derart realistisch und ausdrucksstark und vermochten es beim Zuschauer so viele Emotionen zu wecken wie die "Planet der Affen" Prequels. 

Auch inhaltlich bewegen sich die drei Filme auf einem konstant guten Niveau und bestimmte Themen ziehen sich dabei wie ein roter Faden durch alle Teile. Der Hass ist eines dieser Motive, der in allen Teilen eine zentral Rolle spielt und Menschen und Affen zugleich befällt. Während sich die Menschen mit einer zunehmenden Ausrottung ihrer Art und Verdrängung durch die Affen konfrontiert sehen, fühlen sich auch die Affen immer noch durch den Menschen bedroht und die Erinnerung an die Grauen, die sie durch Menschenhand in der Vergangenheit in Gefangenschaft durchlebten ist stets präsent. Koba, jener Affe dessen grausame Vergangenheit in einem Versuchslabor dazu führte, dass er seinen Hass gegenüber den Menschen nie überwinden konnte und im zweiten Teil den Frieden sabotierte um einen Krieg zu entfachen, ist trotz seines Todes auch im dritten Teils stets präsent. Denn diesmal droht selbst der integere Caesar nach der Ermordung seiner Familie dem Hass und Rachegedanken vollends zu verfallen.



"Survival" ist dabei inhaltlich wohl der unangenehmste Teil, denn er hält der Menschheit stets einen bitteren Spiegel vors Gesicht über unseren Umgang mit anderen Spezies oder mit unseresgleichen. Wenn etwa die Affen im Gefangenenlager ohne genügend zu Essen oder zu Trinken Zwangsarbeit bis zur Erschöpfung verrichten müssen, ruft dies Erinnerungen an deutsche Konzentrationslager wach und daran zu welchen Grausamkeiten die Menschen fähig sind. Diese Grausamkeit wird durch Colonel McCullough perfekt verkörpert und Woody Harrelson ist in der Rolle des Antagonisten überaus überzeugend und kaltherzig, der auch nicht davor zurück schreckt hart gegen die eigene Spezies durchzugreifen.  Auch die Idee, dass der Virus einerseits die Affen intelligenter macht, gleichzeitig die Menschen sich aber zurückentwickeln lässt - es also praktisch zu einem Rollentausch kommt - ist eine interessante Herangehensweise und in Verbindung mit den persönlichen Schicksalen des Colonel eine ausreichend glaubwürdige Motivation hinter dem Antagonisten.

"Survival" setzt nahtlos dort fort, wo "Revolution" aufgehört hat und fasst anhand von Texteinblendungen die Ereignisse aus den ersten beiden Teilen noch einmal kurz zusammen, bevor er den Zuschauer mitten ins Geschehen wirft. Und die ersten Minuten des Films, in denen wir die Special Forces von Colonel McCullough dabei begleiten wie sie auf der Suche nach Caesar durch die Wälder streifen und auf einen Außenposten der Affen treffen, zieht einen atmosphärisch direkt hinein und setzt perfekt den atmosphärischen Ton für den restlichen Film. Und dieser ist entgegen dem, was uns die Trailer und der Originaltitel vermitteln, kein reines Actionspektakel, sondern eine extrem düstere Reise mit viel Herz und gelegentlich sogar mit einer Prise Humor. 

Im Verlauf der Prequel-Trilogie hat sich auch die Erzählperspektive ständig verschoben. Während in "Prevolution" die Geschichte noch größtenteils aus der Perspektive der Menschen geschildert wurde, änderte sich dies bereits mit "Revolution" und Menschen und Affen haben sich diese weitgehend geteilt. Mit "Survival" kommt es nun abermals zu einer Verschiebung und er erzählt die Story nun ausschließlich aus der Perspektive der Primaten. Da nicht alle Primaten die menschliche Sprache beherrschen wird über weite Strecken über Affenlaute kommuniziert und dies über Untertitel für den Zuschauer übersetzt. Das ist für einen Blockbuster eine durchaus mutige Entscheidung, die sich jedoch absolut auszahlt, denn es verleiht dem Film eine gewisse Authentizität und obwohl der Film inhaltlich keine allzu großen Sprünge zum zweiten Teil macht, ist es gerade der Atmosphäre äußerst zuträglich. Auch der Score von Michael Giacchino trägt sein übriges dazu bei, dieser dürfte wohl zu den besten des Jahres gehören und fügt sich perfekt in den Film ein und lässt sich auch abseits des Films gut hören.

"Planet der Affen: Survival" ist ein gelungener und stimmiger Abschluss einer sehr starken Prequel-Trilogie, der in zahlreichen kleinen Szenen noch einmal viel Herz beweist und zudem genügend Spielraum für möglichere weitere Filme lässt, ohne dass er diese jedoch erfordert.

Bewertung: 9/10